Der Körper des Menschen hat viele Gesichter. Aus Poren, Falten, Formen und Flächen der Haut formiert sich das Individuum – unverwechselbar, vertraut, rätselhaft. Identität wird gestiftet, das Persönliche konstituiert. Ein Schicksal bekommt seinen Ausdruck. Über seine Hülle zeigt der Mensch seine Physis, seine Emotionalität und gibt Spuren seiner sozialen Formung preis.
Jeder Mensch ist mit seinem Körper ein unverwechselbares Unikat. Die Komposition aller Zeichen seiner Identität setzt ihn in die Welt als Faktum und Faszinosum zugleich. Seine körperliche Gestalt macht ihn für seine Mitmenschen immer wieder zu einem Gegenstand, der darin das Eigene, Besondere, Ästhetische und spezifisch Schöne zum Ausdruck bringt.
In Kunst und Kultur erlebt das Bild vom Körper eine permanente Konjunktur. Dichter finden immer neue Begriffe für seine Erscheinungen und Entäußerungen. Bildhauer bannen seine Form. In Büsten- und Skulpturensammlungen antiker Museen wird der “schöne Körper” in den auffindbaren Variationen seiner Urgestalt ein- und ausgestellt. Einschlägige Gedanken- und Bilderwelten laden dazu ein, den Menschen immer wieder von Neuem von außen zu betrachten.
Was aber ist mit dem Körper unter der Haut, mit den Organen und Geweben, den Gefäß- und Nervenverbünden? Finden sich dort nicht auch atemberaubende Formen, Linien und Kurven, Krümmungen, Furchen und Flächen, die uns konstitutive Elemente für einen Begriff der menschlichen Gestalt und des individuellen Wesens vermitteln könnten, die ein Potential böten, den Grundkanon vertrauter und konstruktiver ikonographischer Muster zu bereichern?
Die Ausstellung ‚Furchungen’ fragt nach einer internen Physiognomie des Menschen. In 16 Plastiken, eingestellt in die Rudolf Virchow-Sammlung pathologisch-anatomischer Feucht- und Trockenpräparate des Berliner Medizinhistorischen Museums der Charité, greift Veit Krenn - teils unmittelbar teils assoziativ - innerliche Formen des menschlichen Körpers auf. Neben einzelnen Wandungen und Windungen etwa an Herz und Gehirn werden Faltungen und Strömungen, aber auch Lebensspuren, Verletzungen und Krankheitszeichen sichtbar, die sich an und in Organen und Gefäßen unter der Haut des menschlichen Körpers ausgebildet haben.
In den dynamischen Skulpturen Krenns löst sich die Statik des Präparats auf. Die in den Organismus eingeschriebenen Formen geraten in Bewegung und kehren im Moment des Betrachtens ganz entschieden in den Ablauf des Lebens zurück. Damit erfüllen die Krennschen Werke mit Leichtigkeit das, was der Begründer der modernen Pathologie, Rudolf Virchow (1821-1902), mit seiner großen Präparatesammlung zu erreichen hoffte. In dichten Präparatereihen sollten Organschicksale – Krankheitsverläufe – dargeboten werden. Das Auge des Betrachters sollte über die Serien hinweggleiten und auf dem Wege des Vergleichens Sehen lernen.
Die organnahen Plastiken Veit Krenns werden über die verdichtete Bannung der Bewegung zu Dingen der Kunst. In einem einzigen Stück schreibt sich ein spezifischer Abschnitt eines elementaren Lebensrhythmus’ ein, immer ausgelöst durch den Willen und damit gezeichnet durch die Note eines einzelnen Unverwechselbaren. Damit verweist jede Arbeit des Künstlers immer wieder auch – durch alle Typik hindurch – auf das Einzigartige des Individuums.
Thomas Schnalke
Der Text ist dem Katalog zur Sonderausstellung im Berliner Medizinhistorischen Museum der Charité (April/Mai 2006) entnommen.